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Stückporträt A (II) RH +

Sie ist eine Kamera

von Petra Kohse

heute/ schmeißt du die einkaufsliste weg/ die dir deine frau in die tasche steckt/ jede woche//
du machst dir eine neue liste/ ipod/ englisch/ hanteln/ stilles wasser/ proteine//
du sagst zu deiner frau/ wir sind das größte volk der erde
/ich weiß es/ wir wissen es/ alle welt weiß es!

Die Theatertexte von Nicoleta Esinencu liest man nicht einfach so geräuschlos weg. Sie wollen laut gesprochen werden, mehrfach, immer wieder. Schon mit den ersten Worten von "A (II) RH +" (sprich: A zwei Rhesus positiv, deutsch von Georg Aescht) ist der Sound da: Der Rhythmus. Die Direktheit, mit der man in ein fremdes Leben hineingeschubst wird, als ginge es einen tatsächlich etwas an. Und die unpathetische Dringlichkeit, die sich aus der Mischung von Alltäglichem mit Unerhörtem ergibt.

Du bist 10/ und die Lehrerin wiederholt ständig, dass du/ eine dumme Kuh bist/ weil du wieder deine Hausaufgaben nicht gemacht hast/ und sie schlägt dir mit dem Lineal auf die Finger/ und sagt dir, dass du bestraft wirst//
vor dir hast du ein Blatt Papier liegen/ auf das du wieder schreiben wirst/ einen Friedensbrief (...).

Identitätskrisengeschüttelt, kriegserfahren und bettelarm
Das ist der Anfang von "Gegenmittel" (Antidot, 2008, deutsch von Maria Neacsu), ein Text über den Transnistrienkonflikt, der die moldauische Bevölkerung in den Jahren nach dem Mauerfall ungleich mehr berührte als jener und dafür gesorgt hat, dass noch heute russisches Militär in der Region ist. Oder "Fuck you, Eu.ro.Pa!", Nicoleta Esinencus bekanntestes Stück (2005, deutsch von Helga Kopp), das formal spielerischer, aber inhaltlich umso schneidender mit den Worten beginnt: "Papa, ich muss dir etwas sagen". Und dann folgen Schlag auf Schlag 30 Krankheitsnamen: von A wie Adipsie (Durstlosigkeit) bis V wie Verkalkung – pathologisierende Pfosten, auf denen sich die Erzählung vom Erwachsenwerden in der obszönen Leere einer Umbruchsgesellschaft erhebt: irgendwie nicht mehr sowjetisch, aber im Grunde auch nichts anderes.

Heute. Du. Papa. Raffiniert harmlos beginnt Nicoleta Esinencu ihre suggestiv rhythmisierten Suaden, mit denen sie die Wirklichkeit so perfide beschreibt, wie sie sie erfährt. Nicoleta Esinencu, das ist: Eine Dramatikerin aus der Republik Moldau, 1978 in der Hauptstadt Chişinău geboren und dort auch immer noch oder besser immer wieder lebend, obwohl sie da wenig Arbeitsmöglichkeiten hat. Und die sogenannte Wirklichkeit ist hier: eine postsowjetische, gleichwohl kommunistisch regierte, randeuropäische, vielfach identitätskrisengeschüttelte, kriegserfahrene und bettelarme.

Markante Botin vom explosiven Rand
Man kann dies, wenn die Vor-Ort-Erfahrung fehlt, in Büchern nachlesen, etwa im Moldau-Kapitel des 2008 erschienenen Geopolitik-Bandes Die Europäische Union, Russland und Eurasien. Oder in Chişinău – eine Stadt der Kopfschmerzen!, ein Beitrag, den Nicoleta Esinencu 2006 für eine Publikation des Projekts Relations verfasste. Es steht aber eben auch unmissverständlich in ihren Texten fürs Theater.

Und deren formbewusste Avanciertheit bei bestürzendem Wirklichkeitsgehalt ist es wohl, die dazu geführt hat, dass die rumänischsprachige Dramatikerin mit den braunen Locken und der freundlichen rauhen Stimme in Westeuropa als markante Botin vom explosiven Rand geradezu gierig aufgenommen und seit 2003 in Deutschland und Frankreich mit zahlreichen Stipendien und Projektaufenthalten bedacht wurde.

Wobei "Fuck you, Eu.ro.Pa!" auch in mehreren Städten der Republik Moldau gezeigt worden ist und dort selbst nach parlamentarischen Protesten weiterhin gezeigt werden darf, wenngleich unter dem Titel "Stopp Europa" und nur für Besucher ab 16 Jahren. Es ist also nicht so, dass Nicoleta Esinencu in ihrem eigenen Land komplett unterdrückt würde. Vielmehr spielen, wie sie im Gespräch sagt, "Künstler in Moldau einfach keine Rolle". Über "Gegenmittel" etwa, eine Auftragsarbeit für das After the Fall-Projekt des Goethe-Instituts, die im November letzten Jahres in Chişinău herauskam, wurde vor Ort einfach nicht geschrieben.

Und schlimmer noch: Auch das Publikum selbst schien sich für die Deformationen durch die Bürgerkriegserfahrungen nicht zu interessieren. "Was hat das mit uns zu tun?" sei sie von Zuschauern gefragt worden. Weswegen Esinencu froh ist, wenigstens im Westen gehört zu werden: "Es ist fast unmöglich, einer Diktatur Widerstand entgegenzusetzen", erklärte sie bei der Pressekonferenz des Goethe-Instituts im Mai in Berlin. "Im März haben bei uns Tote gewählt und damit hat die Kommunistische Partei gewonnen. Die Frauen werden von der Polizei selbst vergewaltigt. Es gibt so viel, über das wir reden müssen. Und wenn wir es nicht dort tun können, müssen wir es hier tun."

Sich selbst mit rhesuspositiven Augen sehen
"A (II) RH +" handelt von einer chauvinistischen Selbstermächtigung. Ein Mann, der an einer Blutspendestelle beschäftigt ist, beschließt, sich ab sofort ("heute") mit neuen, gewissermaßen rhesuspositiven Augen zu sehen und alles, was anders ist als er, abzulehnen, zu unterdrücken, zu vernichten. Dass die Blutgruppe A zwei positiv, die er als die "beste" bezeichnet, eine allseits besonders gut verträgliche Variante der Blutgruppe ist, die in der japanischen Populärpsychologie für einen ehrlichen und einfühlsamen Charakter steht, passt zur dialektischen Tücke des Stückes. Vieles wird hier in der Form seines Gegenteils präsentiert: das Asoziale in der mitreißenden Ruckrede, die Unbelehrbarkeit im fast ausgelassenen Witz (mein land ist das herrlichste land der welt/ mein land ist das landeste land der welt // ist es denn nicht so?/ es wird doch nicht paraguay sein?).

Überhaupt kippt hier ständig das Eine in das Andere über. Der rollenlose Text ist zugleich als Bericht, Selbstbeschreibung und Aufforderung zu lesen, enthält Einsprengsel von direkter Rede, collagiert Echtwelt-Bausteine, spielt mit Sprachlehre-Elementen und skizziert dabei, ohne Szenen explizit auszuformulieren, fortwährend durchaus dramatische Handlung: Der Protagonist quält seine Tochter, beargwöhnt an seiner Arbeitsstelle die Blutspendenden, die ihm allesamt nicht rumänisch genug sind – der Amerikaner mit dem "jüdischen Namen" nicht, der Ukrainer mit dem "litauischen Namen" nicht, und schon gar nicht der Rumäne, der zwar die "richtige Blutgruppe" aber leider einen "russischen Namen" hat. In dessen Blutbeutel spuckt der Beschäftigte im Unterschied zu den anderen nicht, aber zulassen, dass seine von ihm fast zu Tode geprügelte eigene Tochter "Russenblut" bekommt, will er am Ende auch nicht.

Taugt der Text schon zur Farce?
Es ist die böse Ballade der (sonst ja eher positiven Charakteren vorbehaltenen) Ich-Suche eines Rassisten, Frauenhassers und Kindermisshandlers. Erniedrigende Situationen werden imaginiert, aus denen sich das Ich zu erheben trachtet, und mit Abscheu stellt sich der Sprecher etwa vor, wie einer nach Deutschland zieht und zusehen muss, dass seine Tochter dort mit schwarzen, arabischen oder türkischen Kindern spielt, ohne dass er sie vom Gesetz her dafür schlagen dürfte.

ich schlage vor/ (...) wir finden ein land/ wir bezahlen ein land/ in das alle auswandern, die nicht unser blut haben/ alle, die nicht unsern gott haben/ alle, die nicht unsere farbe haben/ alle, die nicht unseren namen haben.

Wie stark sich in der Republik Moldau die Ängstlichkeit vermitteln könnte, die sich in diesen, natürlich komisch zugespitzten, chauvinistischen Sätzen auch ausdrückt, ist aus dem friedlichen Deutschland heraus nicht abzuwägen. Taugt der Text schon zur schlimmen Farce oder ist die realistische Gewalt, die von den Rollenvorbildern ausgeht, zu stark, um selbst zum Gegenstand der Betrachtung werden zu können? Die Tatsache, dass Nicoleta Esinencu die chauvinistische Stimme zwar dann und wann ironisch apostrophiert, ihr aber keine andere entgegensetzt, spricht für eine Fallstudie. Hier ist einer, der die Selbstverachtung nicht mehr aushält – seht, was er tut! Da ist schon ein Milligramm an Empathie, an mitleidender Beobachtung desjenigen, der geradewegs ins eigene Messer läuft.

Nicoleta Esinencu hat keine parteipolitische Botschaft. Man darf es ihr als Geschichtsoptimismus auslegen, dass sie überhaupt das Wort erhebt. Aber ansonsten gilt – um es mit Christopher Isherwood zu sagen –: sie ist eine Kamera. Eine poetische Kamera natürlich, mit Nachtsicht- und Collage-Modus. Aber ihre wichtigste Kraft ist es, draufzuhalten. Es aus- und festzuhalten. Wenn nicht für jetzt, dann für die Zukunft. Wenn nicht für das eigene Land, dann eben für hier.

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